Ein neues Modell für die Berufsbildung als Vorschlag zur Tat?
- Christian Stalder
- 27. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Apr.
Berufsbildung entwickelt Wissen und Können – entwicklungsorientierte Bildung entwickelt Menschen. Was das bedeutet, ist keine pädagogische Feinheit: Es verändert, wie Lehrende und Lernende miteinander arbeiten – verschärft kollaborativ, auf Augenhöhe, mit echter Verantwortung auf beiden Seiten. Am 17.4.2026 haben die Lehrpersonen und die Schulleitung der gibb Berufsfachschule Bern mehr über das «Wie» als das «Was» in der Berufsbildung nachgedacht, dabei Entwicklungsorientierte Bildung als logischen nächsten Schritt nach der Kompetenzorientierung diskutiert (und was das denn alles heissen könnte, zum Beispiel auch auf das Leitbild der gibb bezogen, in dem steht: mehr wissen - mehr können - mehr sein; dieses «sein» dünkt mich eine steile Einladung für Entwicklungsorientierung !) und - etwas wagemutig - ein neues Modell für die Berufsbildung auf sich wirken lassen. Könnte das der Anfang für einen Prototypen sein?
Ich stelle hier einige Gedanken aus der Keynote und den Workshops dar: Die ganze Keynote ist als Text nicht verfügbar, da sie immer nur im Moment entsteht - das ist das reizvolle, vielleicht auch kunstvolle an Keynotes, wie ich sie verstehe: sie entstehen aus dem Moment heraus.

Keynote Entwicklungsorientierung in der Berufsbildung am 17.4.2026 in Bern (Bild: gibb)
Der Grundlagenartikel zu diesen Inhalten findet sich in: Stalder, C.; Arn, Ch. (2025): Entwicklungsorientierte Bildung in der Berufspädagogik. In: Roth, Georg Johannes; Schniertshauer, Martin (Hg.). Praktische Ausbildung in High-Care-Bereichen. Berufspädagogische Anleitung und situationsorientierte Lehre. Kohlhammer. S. 47-63. Link.
FAQ Entwicklungsorientierte Bildung
Ein konkretes Umsetzungsbeispiel zu Entwicklungsorientierung und agiler Didaktik in der Berufsbildung wird in diesem Video beispielhaft beschrieben. Die nachfolgenden fünf häufigsten Fragen werden hier kurz beantwortet:
Was unterscheidet EOB von klassischer Kompetenzorientierung?
Kompetenzraster bleiben – aber als Orientierung, nicht als Korsett. Der entscheidende Unterschied: Im Zentrum steht die ganze Person, nicht die Summe ihrer Teilleistungen. Ziele geben Richtung vor, markieren aber (nicht zwingend) einen Endpunkt. Berufsbildung bleibt damit offen für das, was kommt – für Entwicklung, die sich nicht planen lässt. Besonders folgenreich: Der Massstab verschiebt sich. Nicht der Vergleich mit anderen Lernenden zählt primär, sondern der Vergleich der Person mit sich selbst. Wer Fachperson werden will - in ihrer eigenen Art -, braucht keinen Wettkampf, sondern eher einen Spiegel.
Welche Rolle spielt die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden?
Eine ganz zentrale Rolle, was auch an der Tagung in vielen Gesprächen erfreulich deutlich wird! Vertrauen und psychologische Sicherheit sind keine pädagogischen Extras, sie sind Voraussetzung für Entwicklung. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Kritisches offen auszusprechen. Lehrende wirken als Vorbilder, nicht durch Perfektion, sondern durch Einblick in das eigene Lernen. Wer selektiv zeigt, wie die eigene Persönlichkeitsentwicklung aussieht, macht Entwicklung für Lernende real und anschlussfähig. Was im Ausbildungsraum gelebt wird, bereitet auf das vor, was im Berufsalltag trägt.
Entwicklung zeigt sich so oft phasenförmig: Fast überraschend nehmen Lernende wahr, dass sie sich an einem neuen Punkt befinden - und können rekonstruieren, aus welchen Schritten sich dieser neue Zustand zusammengefügt hat.
Wie verändert EOB den Umgang mit Bildungsplänen?
Bildungspläne müssen neu gelesen werden. Statt abarbeiten, entdecken. Curricula benennen dann Mindeststandards, öffnen Raum für Alltagserfahrungen und ermöglichen Entwicklung. Sie sind keine Bildungs(vollzugs)pläne mehr, sondern eine Inspirationssammlung mit grossem Orientierungswert.
Das setzt voraus, dass Inhalte gestrafft und Entwicklungsfelder explizit benannt werden. Didaktische Entdeckungen – gemeinsam mit Lernenden oder Kolleginnen - fliessen andauernd ein. Der Ausbildungsgang selbst wird lebendig.
Was ist in der Berufsbildung schon entwicklungsorientiert?
Mehr als man denkt. Was in Bildungsplänen als überfachliche oder transversale Kompetenzen erscheint – Sozialkompetenz, Selbstreflexion, die sog. 4K oder Future Skills – ist per se entwicklungsorientiert. Diese Fähigkeiten sind keine Kompetenzen im klassischen Sinne: Sie lassen sich besser als Tugenden, Charakterstärken oder Persönlichkeitsentwicklungsschritte verstehen. Auch die wachsende Selbstständigkeit im Verlauf einer Ausbildung ist entwicklungsorientiert: Sie vollzieht sich individuell, situativ und braucht Passung auf Person und Kontext. Natürlich ist, das zeigen die Diskussionen an diesem Tag, die Rückkehr zu dem Begriff der Tugenden nicht nur einfach, wirft gar Fragen auf nach der passenden Ausformung von Tuugenden (Aristoteles hat das als «mesotes» bezeichnet), das zeigt schön, wie gut anschlussfähig sind und wie stark sie in unser Kulturverständnis eingeschrieben sind.
Was bedeutet EOB konkret für die Berufslehre?
Tugenden und Charakterstärken, Ambiguitätstoleranz, Kreativität und Entwicklungsoffenheit werden zum expliziten Bildungsgegenstand – nicht moralistisch, sondern stärkenorientiert: Wer die eigenen Werte und Stärken erkennt, entwickelt sie. Das hat praktische Konsequenzen: Persönlichkeitsbildung braucht Rahmenbedingungen, die sie ermöglichen. Dazu gehören Ausbildungspersonen, die Entwicklungsprozesse reflektiert begleiten können – und selbst bereit sind, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Wer sowas stärken will, muss selbst in Bewegung sein.
Ein neues Modell für die Berufsbildung?
Die HfaB hat einen grundlegend entwicklungsorientierten Studiengang erfolgreich erprobt, der zur Lehrperson ausbildet. Wie sieht das ganz konkret aus, wenn man dasselbe Prinzip für die Berufsbildung nutzt? Das Modell ist hier bewusst skizzenhaft dargestellt:

Die regelmässigen Campustage mit kollaborativen Modulen bilden den Kern des Modells und schaffen den Rahmen für die sehr konsequent selbstgesteuerten und - wichtig! - sehr gut begleiteten Lernprozessen der Lernenden. Die individuelle Begleitung der Lernenden wird durch das Coaching sichergestellt. Und - das ist neu - dieser erprobten Kombination möchten wir eine Ergänzung hinzufügen: ein Studiengang-Steuerungs-Board. In diesem sind Studierende, Lehrbetriebe, Campustage-Leitende und Modulleitende vertreten. Dieses StudiengangSteuerungs-Board hat die Kompetenz, Justierungen an der Gesamtorganisation des Studiengangs und am Curriculum am fahrenden Zug zu ändern, soweit das unter Einhaltung von Fairness-Kriterien möglich ist. Aus dem Artikel dazu:
Ein solches Steuerungsbord ersetzt periodische Curriculumsentwicklungen und macht aus einem Ausbildungsgang einen lebendigen Ausbildungsgang – weil er wachsen, sich verändern darf. Ein solches Steuerungsboard hat allerdings auch Bildungs- und Entwicklungsbedeutung. Denn es erlaubt namentlich den Lernenden, auch auf dieser Ebene zu Denken und Verantwortung zu übernehmen. Diejenigen Studierenden, welche in dieses Board eintreten, lernen also auf einer weiteren Ebene und diejenigen, die nicht selbst im Board dabei sind, erfahren von den anderen, können sich selbst auch organisieren und so über diese Kolleginnen Einfluss nehmen. Damit wird auch Demokratie gelernt: die Kunst, gemeinsam über sich selbst zu herrschen, die Kunst, Welt und Leben zu gestalten.
Die Lernortkooperation der letzten Jahre (Jahrzente) kommt manchmal etwas scherfällig in die Gänge, mutet manchmal etwas technokratisch an. Dieses Modell denkt Praxis, Schule und Entwicklung gemeinsam. Ausbildungsbetriebe bringen Expertise in Campustage ein, sitzen im Steuerungsboard und beeinflussen so einen lebendigen Ausbildungsgang. Die Berufsfachschule gehört den Lernenden. Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen, Lernende gestalten die Ausbildung kollaborativ.
Ein Vorschlag zur Tat?
Wie wäre es nun also, wenn eine bestimmte Berufsschule in der Schweiz es wagen würde, einen Prototyp auf Basis dieses Modells zu kreieren? Arn und Stalder, die Wortwerkbank und die HfaB würden mittun. Interessant: Aus dem Bereich Informatik und IKT vernehme ich an diesem Tag in Bern bereits Interesse. Die gibb wäre meines Erachtens eine Berufsschule, die das leisten könnte. Packen wir es an?



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