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Lernen im 6/8-Takt: ein anderer Zugang zu «HKO»

Aktualisiert: 22. März

Das Modell ist im Rahmen zu der 17. EBA-Tagung der PH Bern vom 21.3.2026 entstanden (→ Slides).


Manchmal entstehen die besten Ideen beim Aufräumen. Zwei Tage im Keller – ausräumen, einräumen, entsorgen, sortieren – und im Ohr dieses Volkslied aus dem Engadin, hier in der Version von Corin Curschellas. Herrlich, die Gescihte. Ungemein passend der 6/8-Takt, der die Geschichte von «il gran es fat aint» so herrlich unterstreicht. Das Korn ist eingebracht, die Schwere ist nun vorbei (il geiv es uoss passà), natürlich kann nur ein 6/8-Takt, dieser Zweischlagtakt mit dreifach pulsierenden Innenleben die Geschihcte von Anna, Chatrina, Furmina, Andreas und Giacob tragen, weil nur diese Takt die Leichtigkeit und Energie zu vermitteln mag.


Plötzlich ich hab ich die Idee zur didaktischen Reduktion für die 17. EBA-Tagung der PHBern! Sofort kristallisieren sich sechs Schritte heraus, die zeigen, wie Handlungskompetenzorientierung (HKO) an Berufsfachschulen konkret und leichtfüssig umgesetzt werden kann. Die HKO ist fester Bestandteil der beruflichen Grundbildung in der Schweiz. Sie ist in den Bildungsplänen fix verankert – das kann man gut oder weniger gut finden, das darf man kritisch diskutieren (wie das zum Beispiel Gianni Ghisla hier tut). Die entscheidende Frage aber lautet: Wie bringt man Unterricht tatsächlich in Richtung Lernwirksamkeit?


Die Antwort kommt, inspiriert vom 6/8-Takt, in sechs Schritten leichtfüssig daher.


Schritt 1: Die Situation

Handlungskompetenzorientierter Unterricht beginnt nicht mit einem Lehrplan, sondern mit der Suche nach einer passenden Situation: konkret, lebensnah, berufspraktisch. Wir starten also in der (beruflichen) Lebenswelt der Lernenden, in der konkreten Berufspraxis. Dort gibt es Situationen, die es zu meistern gilt. Robert F. Mager fragte in den 1970ern: «Was tut der Lernende, wenn er zeigt, dass er das Ziel erreicht hat?»

Ich frage: Was würde eine erfahrene Fachperson – eine Meisterin, ein Meister – in dieser Situation tun? Wie würde sie die Situation gestalten, nach allen Regeln der Kunst ihres Berufs? Bei Hansruedi Kaiser habe ich viel Interessantes dazu gelernt.


Hilfreich dabei ist die Unterscheidung von Hartmut Rosa zwischen Situationen und Konstellationen: in Situationen handeln wir, in gegebenen Konstellationen vollziehen wir nur. Multiple-Choice-Fragen, vorgegebene Schrittfolgen, Formulare, ja-nein-Antworten (oder 0-1-Codes!) – das sind Konstellationen. Handlungskompetenz braucht Situationen mit Spielräumen, in denen es Augenmass und Fingerspitzengefühl braucht. Hans Joas (Die Kreativität des Handelns) zeigt das noch etwas anders: zwischen Situation und handelnder Person entsteht so etwas wie ein Zwiegespräch. Wir brauchen Situationen, um überhaupt kreativ zu werden. Was also ist die Situation, die Ihre Lernenden zu «meistern» haben?


Schritt 2: Das Menschenbild

Wer Unterricht so gestalten will, dass Lernende selbst Entscheidungen fällen, Fehler machen und daraus lernen, eigenständig urteilen und gestalten – der braucht dazu ein passendes Menschenbild.

Die Idee der humanistischen Bildung und einer entwicklungsorientierten Bildung passen hier gut, wie ich hier schon ausgeführt habe.


Was wollen wir also? Ich plädiere für Lernende, die vernünftig handeln, urteilen und entscheiden können – und diese Entscheidungen verantworten. Menschen, die sich als Gestalter ihrer selbst und ihrer beruflichen Situationen verstehen. Mitunter steht das allerdings im Widerspruch zu einer ökonomisierten Bildungsdenke, wie wir sie in der Berufsbildung auch antreffen.


Was ist ihr Menschenbild? Welche Bildungsidee treibt Sie um? Und was heisst das denn im Alltag von Lernen und Lehren?


Schritt 3: Das Ziel, das zieht

Wir brauchen keinen Lernzielkatalog. Wir brauchen «ein Ziel, das zieht». Ein Ziel, das so attraktiv ist, dass Lernende, wenn sie es hören, denken: «Das will ich auch können.»

Christof Arn schreibt dazu: «Ein einziges, knackiges, klares Ziel, das Zug entwickelt» – orientiert als Kompass und bewegt als Magnet. Für Präsenzdidaktik oder agile Didaktik ist es nicht wünschenswert, sondern notwendig. Das Ziel das zieht hat also gemäss Arn zwei mögliche Funktionen:

🧭 Kompass

🧲 Magnet

Schnelle Orientierung bei ungeplanten Momenten im Unterricht. Je klarer das Gesamtziel, desto schneller die Entscheidung: Welche Variante dient dem Ziel am besten?

Bewegungsenergie bei den Lernenden. Co-Didaktik lebt von intrinsischer Motivation.

Das »Ziel, das zieht« macht Mitbestimmung der Lernenden überhaupt erst möglich.

Drei mögliche Wege zu einem Ziel, das zieht:


3.1 Expertenspirit

Zwei Schlüsselfragen nach Arn:

  1. Bei welcher Aktivität im Berufsfeld zeigt sich, ob jemand beherrscht, was Sie vermitteln?

  2. Was verläuft anders, wenn die Person das beherrscht? Wie genau verläuft es anders?


Hier leistet übrigens auch der Didaktor, eine Maschine die Unterricht vorbereitet, hilfreiche Dienste!


3.2 Situierte Kompetenz

Kompetenz = Fähigkeit, bestimmte Situationen zu meistern (Hansruedi Kaiser).

→ Typische Situationen benennen → Erfolgskriterien definieren → nötige Ressourcen analysieren → im Curriculum anordnen.

Beispiel 1

Oldtimer

Beispiel 2

Schreinereibetrieb

Beispiel 3

Pflege

Die Lernenden können nach dieser Weiterbildung an einem Messerschmitt Kabinenroller KR 200 den Motor so instand setzen, dass der Fahrzeugbesitzer damit sorgenfrei an einer Oldtimer-Ausfahrt teilnehmen kann.

Die Lernenden können nach dieser Weiterbildung für eine Kundin einen massgefertigten Einbauschrank nach deren Angaben so planen, zuschneiden und montieren, dass die Kundin das Möbel ohne Nachbesserung abnimmt.

Die Lernenden können nach diesem Unterricht bei ihrer Arbeit in einer Pflegeeinrichtung Bewohnerinnen in Alltagssituationen so begleiten, dass diesen das höchstmögliche Mass an Selbstbestimmung zukommt.

Situation

KR 200 mit Motorschaden liegt in der Werkstatt; eine Oldtimer-Ausfahrt steht bevor.

Situation

Auftrag liegt vor: Einbauschrank für Schlafzimmer, Masse und Holzart sind vorgegeben.

Situation

Eine Bewohnerin soll bei einer alltäglichen Entscheidung (Kleidung, Tagesablauf, Mahlzeit) begleitet werden.

Meistern

Der Motor läuft störungsfrei; der Besitzer nimmt an der Ausfahrt teil.

Meistern

Der Schrank ist exakt auf Mass ein^gebaut, Verbindungen halten, Kundin nimmt ohne Nachbesserung ab.

Meistern

Die Bewohnerin entscheidet in der Situation möglichst selbst; die AGS-Fachperson begleitet entsprechend, um dieses höchstmögliche Mass an Selbstbestimmung zu garantieren


3.3 Destillationsmethode

Zielbeschreibungen können inhaltsorientiert, lernaktivitätsorientiert, könnensorientiert («kompetenzorientiert») oder wirkungsorientiert sein:


  • Inhaltsorientiert: benennt den »Stoff«

  • Lernaktivitätenorientiert: benennt, welche Aktivitäten die Lernenden unternehmen

  • Könnensorientiert: benennt eine Handlungsfähigkeit

  • Wirkungsorientiert: benennt nur noch den Effekt einer Tat, die möglich wird auf Grund des Unterrichts


→ Inhalt → Lernaktivität → Können → Wirkung (»reduce to the max«).


Beispielmodul: Motorinstandsetzung an historischen Kleinfahrzeugen

1  Inhaltsorientiert   –   «dasunddas behandelt»

Formulierung:

«Das Ziel ist, dass wir folgende Themen behandelt haben:

– Aufbau und Funktion des Zweitaktmotors (FMR-Motor 191 ccm)

– Typische Schadensbilder am KR 200 (Kolben, Zündung, Vergaser)

– Ersatzteilbeschaffung für Fahrzeuge ohne Serienproduktion

– Sicherheitsvorschriften bei Oldtimer-Reparaturen»

Stoff als Liste. Was doziert wurde – nicht was gelernt wurde.

2  Lernaktivitätsorientiert   –   «dasunddas gemacht»

Formulierung:

«Das Ziel ist, dass die Lernenden einen echten Motorschaden an einem KR 200 diagnostiziert, zerlegt, instand gesetzt und wieder zusammengebaut haben – anhand eines konkreten Fahrzeugs in der Werkstatt.»

Aktivität der Lernenden sichtbar, aber kein Qualitätskriterium.

3  Könnensorientiert   –   «dasunddas können» 

Formulierung (mit Berufsfeldbezug):

«Die Lernenden können nach dieser Weiterbildung an einem Messerschmitt Kabinenroller KR 200 den Motor so instand setzen, dass der Fahrzeugbesitzer damit sorgenfrei an einer Oldtimer-Ausfahrt teilnehmen kann.»

→ Handlungsfähigkeit + Situation + beobachtbares Kriterium.

4  Wirkungsorientiert   –   «dasunddas resultiert»

Formulierung:

«Wenn eine Absolventin in ihrer Arbeit als Oldtimer-Mechanikerin einen KR 200 in die Hände bekommt, sehe ich, wie der Wagen danach zuverlässig fährt – und die Besitzerin weiss, dass sie jemanden hat, der ihr Fahrzeug versteht.»

Nur noch der Effekt im Berufsfeld. Wirkung!

Wichtig: Wirkungsorientierte Ziele haben die grösste Zugkraft! (vgl. Arn, Ch., 2024, S. 94-111)


Schritt 4: Plan und Agilität

Gute Planung hilft – auch im handlungskompetenzorientierten Unterricht. Aber Lernende sind Teil des Geschehens. Sie steuern ihr Lernen mit, sie sind involviert. Deshalb brauchen Lehrpersonen die Fähigkeit, sich auf dem Kontinuum zwischen Plan und Agilität sicher zu bewegen: Strukturen anbieten, wo sie helfen – loslassen, wo es das Lernen braucht. Neues initiieren, Unerwartetes auffangen. Ich habe das hier ausgeführt:



Schritt 5: Die drei Helferlein

Das Dreistrangkonzept einer differenzierten Lernumgebung stellt drei bewährte Orientierungshilfen bereit, die im Lernprozess Übersicht geben und – wo nötig – Struktur schaffen. Eine Reihe von Praxisfragen habe ich auf Anfrage der PHZH hier beantwortet: https://hfab.ch/2025/02/18/faq-zu-lernen-in-begleiteter-freiheit-an-der-berufsfachschule/


Schritt 6: Reflexive Kompetenz

Der sechste Schritt verbindet den Abschluss des 6/8-Bogens mit seinem Fortgang: Reflexive Kompetenz. Die Formel dazu lautet: R = S × W Reflexive Kompetenz = Selbstreflexion × Weltwahrnehmung. Beide Dimensionen braucht es: Wer sich selbst kennt und die Welt wahrnimmt, kann berufliche Situationen nicht nur bewältigen – er kann daran wachsen. Dazu liefert mein Grundlagenartikel mehr Informationen und die Reflexionskarte eine echte Hilfe.


Übersicht der sechs Schritte



Fazit

Leichtfüssig im Paradigma der HKO unterrichten: Mit diesen sechs Schritten lässt sich Unterricht gestalten, der HKO ernst nimmt – ohne dabei schwerfällig zu werden und mit dem Mut, den passenden Mix mit den Lernenden zu finden. Lernende werden hier zu Akteuren, die in beruflichen Situationen wirklich weiterkommen. Der 6/8-Takt ist kein starres Schema, sondern eine rhythmische Figur – die man sehr unterschiedlich tanzen kann. Lehrpersonen, die in diesem Unterricht selbst zu Lernenden werden, haben darin grossen Gestaltungsfreiraum.

Das führt dann mitunter dazu, dass Lernende an Berufsfachschulen ihre Leistungsnachweise grad selbst erfinden:


Und bereits die nächste Generation Lernende nach den oben abgebildeten Autor:innen zu diesem Vorgehen nach der Durchführung dann befragt:



Ressourcen & Werkzeuge

📄 Die sechs Schritte als PDF: kostenloser Download auf wortwerkbank.ch 

🧰 Toolbox: Zu jedem Schritt passende Hilfsmittel auf wortwerkbank.ch 

🎥 Video zum Artikel:



 
 
 

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